Papier statt Datei

Papierkrieg im Krankenhaus

Von Michael Gneuss und Katharina Lehmann · 2021

Das deutsche Gesundheitswesen ist alles andere als digital. Statt moderner Technologien dominiert in Kliniken und Arztpraxen noch immer die Zettelwirtschaft. Das ist ineffizient und intransparent – für Ärzte und Gesundheitspersonal genauso wie für Patienten. Doch so langsam kommt Schwung in die Digitalisierung.

Frau hält Handy mit geöffneter Gesundheitsapp
Gesundheits-Apps sind auch im Kampf gegen Covid-19 zum Hoffnungsträger geworden. Foto: iStock / valentinrussanov

Betrüger versuchen auch die Pandemie für sich zu nutzen: Für 150 Euro gibt es den gelben Impfausweis inklusive gefälschtem Corona-Impfsticker und Stempel. Dass die nicht echt sind, fällt auf den ersten Blick gar nicht auf. Durch Einführung eines digitalen Immunitätsnachweises soll den Fälschern das Handwerk gelegt werden. Geplant ist eine Smartphone-App, die zeigt, ob und mit welchem Wirkstoff jemand vollständig gegen das Virus geimpft, von der Covid-19-Erkrankung genesen oder zumindest negativ getestet ist. Das Beispiel ist nur eines von vielen, das zeigt, wie Verbesserungen im Gesundheitswesen mit digitalen Technologien realisiert werden können. Für ein effizienteres Gesundheitssystem sollen auch die elektronische Patientenakte, Datenübertragung zwischen Gesundheitseinrichtungen, digitale Rezepte, ein einheitlicher digitaler Impfpass und vom Arzt verschriebene Apps sorgen. Den Anbietern dieser Lösungen winkt ein milliardenschwerer Markt. Nach Angaben des Global-E-Health-Market-Reports wächst der Sektor bis zum Jahr 2027 jährlich um  mehr als 20 Prozent. Ende der 20er Jahre soll er weltweit für einen Umsatz von 310 Milliarden Dollar stehen. Eine Reihe von Unternehmen bieten schon heute ihre digitalen Dienste an: Apple oder Samsung stellen mit ihren Smartwatches besondere Gesundheitsfunktionen zur Verfügung und tracken alle Vitalfunktionen, die Deutsche Telekom hat eigens eine Sparte Healthcare Solutions geschaffen und spezialisierte Start-ups schaffen Plattformen für Videosprechstunden – um nur einige Beispiele zu nennen.

Papier statt Datei

Quelle: Deloitte, 2020

Doch heute dominiert im deutschen Gesundheitswesen noch immer die Zettelwirtschaft, klagt Ferdinand Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Patienten seien mit Tüten voller Röntgenbilder und Arztbriefen unterwegs. Gesundheitsämter bekommen und übermitteln Meldungen über Corona-Infektionen vielfach per Fax. „Die Hightech-Nation Deutschland wirkt mit Blick auf die Digitalisierung des Gesundheitswesens wie ein Entwicklungsland“, mahnt Gerlach. Das bestätigt auch der E-Health-Monitor der Unternehmensberatung McKinsey, der jedes Jahr über den aktuellen Stand der Digitalisierung im hiesigen Gesundheitswesen informiert. Demnach tauschen noch immer nur 44 Prozent der Gesundheitseinrichtungen medizinische Daten digital aus, 93 Prozent der niedergelassenen Ärzte kommunizieren mit Krankenhäusern noch überwiegend in Papierform. Es ist vor allem der Datenschutz, der den digitalen Anwendungen immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Denn gerade die sensiblen Gesundheitsdaten müssen unbedingt sicher vor Fremdzugriff und Manipulation, aber auch vor Missbrauch, geschützt sein. Doch auch an Hardware, Schnittstellen und einheitlichen Kommunikationssystemen mangelt es oftmals in Gesundheitseinrichtungen.

Im Sinne der Patienten

Dabei wünschen sich die Patienten durchaus digitale Anwendungen. Eine Befragung der Betriebskrankenkasse Vivida unter 1.000 jungen Menschen zwischen 14 und 34 Jahren ergab, dass jeder Zweite zum Beispiel einen aufgeschobenen Arzttermin wahrnehmen würde, wenn ihm denn die Videosprechstunde zur Verfügung stünde. Vier Fünftel der jungen Leute möchten ihr Rezept lieber elektronisch bekommen. Und mehr als zwei Drittel sind für den Einsatz von Gesundheits-Apps. Solche Anwendungen könnten auch helfen, einen Krankenhausaufenthalt vorzubereiten. Immer wieder müssen Patienten die gleichen Fragebögen bearbeiten, mit den immer gleichen Fragen zu Vorerkrankungen, Unverträglichkeiten und Medikamenteneinnahmen. „Es wäre doch aber im Sinne vieler Patienten viel praktischer, wenn diese die notwendigen Dokumente in digitaler Form schon vorab zu Hause ausfüllen“, meint Anke Diehl, Leiterin der Stabsstelle für Digitale Transformation des Klinikverbundes Universitätsmedizin Essen, im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Für die Ärzte wünscht sich Anke Diehl noch mehr Tablets, mit denen sie Therapieplan und Genesungsfortschritte direkt beim Patienten dokumentieren. Unter dem Schlagwort Smart Hospital sollen alle Gesundheitsdaten und Systeme „miteinander kommunizieren, die gleiche digitale Sprache sprechen und dadurch Prozesse im Klinikalltag vereinfachen – zugunsten der Menschen, der Mitarbeitenden, Patientinnen und Patienten und der Angehörigen", sagt Anke Diehl. So hätte jeder alle Informationen. Prozesse könnten effizienter gestaltet und Zeit eingespart werden. Zeit, die am Ende dem Patienten zugutekommt.

Gesund mit Apps

Hilfreich können auch Ernährungs-Apps und Fitnesstracker sein, um ein gesundheitsbewusstes Verhal-
ten zu trainieren. Service-Apps wiederum erinnern an die Einnahme von Medikamenten, an wichtige Untersuchungen oder dienen zur Symptom- oder Verlaufskontrolle bei einer Erkrankung. Seit Inkrafttreten des Digitalisierungsgesetzes für das Gesundheitswesen im Jahr 2019 können ausgewählte Gesundheits-Apps als sogenannte Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), per Rezept verordnet werden. Beim Bundesgesundheitsministerium sieht man großes Potenzial für eine Verbesserung der Patientenversorgung durch die DiGAs, sollen sie doch langfristig mögliche Engpässe und Versorgungslücken im Gesundheitswesen schließen, die Aufmerksamkeit immer wieder auch auf die Gesundheit lenken und durch die konstante Anwendung eine gesteigerte Therapietreue fördern. Nach Ansicht vieler Experten ist dieses Jahr mit der Einführung von digitalem Rezept und elektronischer Patientenakte sehr entscheidend für die Akzeptanz der Digitalisierung bei Patienten und medizinischem Personal. Hoffnung im Kampf gegen die Zettelwirtschaft besteht also.

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